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Rente

Eine Rente wegen Erwerbsminderung oder Berufsunfähigkeit beantragt man beim Deutschen Rentendienst. Man muss nur anrufen und bekommt das Formular zugesandt. Eine Rente wegen Erwerbsunfähigkeit, wie ich sie noch habe, wird heute kaum noch bewilligt. Es wird immer eine Arbeitsfähigkeit von 1 oder 2 Stunden täglich festgestellt. Es wird auch gerne nur eine Berufsunfähigkeit bescheinigt. Man hat dann zwar teilweise Auflagen mit denen man nie eine Arbeit findet, aber man fällt aus der Rentenzahlung heraus.

Man sollte vor der Beantragung einige Voraussetzungen haben. Man sollte unbedingt schon eine Weile bei einem Psychiater oder Neurologen in Behandlung sein. Wichtig ist, dass man Therapie-Versuche nachweisen kann, also entweder eine analytische oder eine Verhaltenstherapie. Krankenhausaufenthalte sind immer sehr gut, genauso wie die Anerkennung einer Schwerbehinderung. Mit Depressionen bekommt man 50% Schwerbehinderung ... das hat Arbeitsrechtlich schon ein paar Vorteile, da man unter das Schwerbehindertengesetz fällt.

Die Anerkennung einer Schwerbehinderung wird in Berlin beim Versorgungsamt beantragt. Auch hier bekommt man ein Formular, dass man leserlich ausfüllen muss. Bei mir wurde die Schwerbehinderung abgelehnt, nach einem Widerspruch und einer weiteren Ablehnung habe ich eine Klage beim Sozialgericht eingereicht. In Berlin kann man diese Klage direkt beim Gericht über einen Rechtspfleger einreichen. Das hat den Vorteil, dass alles korrekt ausgefüllt ist und das Gericht die Klage nicht wegen Formfehler abweist. Bei mir wurde relativ schnell per Aktenlage entschieden und ich habe die 50% bekommen. Das ganze Verfahren vom Antrag bis zur Entscheidung des Sozialgerichts hat ungefähr 3 Monate gedauert.

Wenn man den Antrag auf Erwerbsminderungsrente in Händen hält, sollte man das Formular leserlich ausfüllen. Dazu packe man ein Attest vom behandelnden Arzt, einen Bericht vom Krankenhaus und die Bestätigung der Therapien. Alle Unterlagen sicherheitshalber fotokopieren. Adressieren, Marke draufkleben und ab zur Post. Einschreiben mit Rückschein, dann weiß man, dass die Sendung angekommen ist. Ach ja, günstig ist es, wenn man ankreuzt, dass man nicht alleine kommen kann. Ich hatte zu einem Gutachterbesuch jemanden vom Sozialdienst. Ich wurde abgeholt und nach Hause gebracht.

Nun muss man auf den Termin beim Gutachter warten. Ich hatte immer so eine Wartezeit von ca. 6 Wochen. Natürlich muss man für diese Zeit weiterhin krankgeschrieben sein. Wenn man zwischendurch arbeitet wird das negativ ausgelegt.

Der Besuch beim Gutachter ist nicht so schlimm. Manche Gutachter stellen Fragen, andere lassen den Patienten erzählen und stellen nur Zwischenfragen. Meistens hat der Gutachter die Akte von der Rentenversicherung vorliegen und ist somit über alles informiert. Die Untersuchung dauert ungefähr eine Stunde, je nachdem wieviel zu besprechen ist. Am Ende sagt der Gutachter aber meistens, was er der Rentenversicherung empfehlen wird. Bei mir war es ein Gutachter, der nichts sagte, die anderen haben immer die Empfehlung kund getan.

Mein Weg in die Rente

Seit 1982 war ich in Behandlung wegen meiner Depressionen. Zunächst noch ohne Medikamente, später mit 900 mg Quilonum, 150 mg Trevilor, 45 mg Remergil und 6 mg Bromazepam. Schon diese Medikation hat den Gutachter bewogen, eine Zeitrente zu empfehlen. Dazu kam der Befund des Vertrauensarztes vom April 1999. Ich war ab 19. April 1999 krankgeschrieben.

1. Zeitrente bis April 2002

Medikamentöse Behandlung vom Psychiater. Im Sommer 1999 Reha in Bad Münder in einem Sanatorium für psychosomatische Erkrankungen. Leider hatte diese Reha nicht den erwünschten Erfolg. Entlassung aus der Reha mit dem Prädikat: “Gesund und sofort arbeitsfähig.” Von Dezember 1999 bis Dezember 2000 hatte ich eine analytische Therapie. Dezember 2000 Einweisung auf die Krisenstation des Klinikum Steglitz. Entlassung nach 3 Wochen mit dem Kommentar “Gesund”

Trotz des Kommentars: Gesund, wurde ich weiterhin krankgeschrieben. Auch “gesund und sofort arbeitsfähig” hat meinen behandelnden Arzt nicht dazu veranlasst mich wieder arbeiten zu schicken.

In Bad Münder war es witzig. Alle, außer diejenigen, die im August 1999 aufgenommen wurden, haben eine Verlängerung bekommen. Wer im August aufgenommen wurde, war nach vier bis sechs Wochen gesund. Das ist natürlich aus medizinischer Sicht sehr interessant. Vor allem die Blitzheilung meiner jahrzehntelangen Erkrankung. Die Krisenstation war noch flotter: nach 3 Wochen war ich geheilt!

Zu der analytischen Therapie muss ich noch bemerken, dass der Therapeut nie mitgeteilt hat, was er bei mir festgestellt hat. Ich bin also drei mal in der Woche dorthin gelatscht, habe mich ausgesprochen, aber wo nun mein Problem liegt, wurde mir nicht gesagt. Endgültig beendet war die Therapie für mich, als der Psychologe mir sagte, dass ich zuviel negative Energie auf ihn übertrage.

2. Zeitrente bis April 2004

Anfang 2001 bis Anfang 2003 hatte ich eine Verhaltenstherapie. Die Verhaltenstherapie wurde vom Klinikum Steglitz empfohlen. Leider haben mir die Ärzte nicht mitgeteilt wo mein Problem liegt und so wurde diese Verhaltenstherapie eine Gesprächstherapie, die ich dann Anfang 2003 beendet habe. In dieser Zeit habe ich die Kursphase am Abendgymnasium besucht und im Sommer 2003 das Abitur bestanden.

Die Gutachterin war davon überzeugt, dass ich nie wieder arbeiten kann und hat in ihrem entsprechenden Gutachten vermerkt, dass sie eine Dauer-Rente empfiehlt. Die Rentenversicherung hat aber wieder zwei Jahre bewilligt.

3. Zeitrente bis April 2006

Im Herbst 2004 begann ich ein Studium an der Universität Potsdam. Es war ein Chemie-Studium, das mir großen Spaß gemacht hat. Leider hat dann Anfang 2006 jemand das Attest gelesen und festgestellt, dass ich gar nicht in einem Labor arbeiten darf. Im Februar 2005 empfahl mir mein Arzt für 2 Wochen ins Krankenhaus zu gehen. Aus den 2 Wochen wurden 8 Monate. 5 Monate in der geschlossenen Psychiatrie und 3 Monate in der Tagesklinik. Zum Wintersemester 2007/2008 wechselte ich den Studiengang zu Rechtswissenschaften. Das macht auch Spaß und es ist nicht so schlimm, wenn ich mal nicht zur Uni gehen kann.

Zum Ende der Rentenzeit war wieder ein Gutachtertermin. Der Gutachter fragte mich: Was wollen Sie? Im letzten Gutachten steht, dass Sie eine Dauer-Rente bekommen sollen. Tja, ich habe ihm dann aber mitgeteilt, dass die Rentenversicherung anderer Meinung ist. In dem Vordruck war angekreuzt, dass aus medizinischer Sicht eine Heilung wahrscheinlich ist. Das fand er putzig, mit dem Prädikat: nie wieder arbeitsfähig.

4. Zeitrente bis April 2008

In den Jahre 2007 und 2008 ist nichts grundlegendes passiert. Ich bin, soweit möglich, zur Uni gegangen und habe ich um meine Hunde und Katzen gekümmert. Sehr rechtzeitig, Ende 2007 habe ich eine Rentenverlängerung beantragt und habe nach dem Besuch beim Gutachter die Dauer-Rente bewilligt bekommen.

Dauer-Rente bis Juli 2023

Inzwischen hat mein Psychiater seine Kassen-Praxis aufgegeben und ich musste mir einen neuen Arzt suchen. Der neue Arzt und die Gesundheitsreform haben bei mir eine Änderung der Medikamente verlangt. Ich bekomme weiterhin 900 mg Quilonum. Beim Mirtazapin (Wirkstoff im Remergil) suchen wir noch einen Hersteller, von dem ich die Tabletten vertrage. Trevilor gibt es nicht mehr und auch kein Bromazepam. Es geht mir zur Zeit nicht besonders gut. Aber irgendwann werden wir was gefunden haben, das ich vertrage.

Die Dauer-Rente ist in Ordnung. Ich merke, dass ich keiner regelmäßigen Arbeit nachgehen kann. Schon der regelmäßige Besuch der Uni war mir nicht möglich. Zu oft habe ich mit den depressiven Phasen und mit Migräne zu tun. Da ich nicht mehr die Medikamente bekomme, die ich brauche, habe ich sehr häufig Depressionen. Die Gesundheitsreform macht es möglich, dass man wirklich zu nichts mehr in der Lage ist.

Zwei witzige Bemerkungen wollte ich noch machen:

Als ich in Bad Münder zur Reha war, wurde gleich am Anfang gesagt: Wer im August angereist ist, ist nach spätestens 6 Wochen gesund. Alle anderen können eine Verlängerung beantragen. Man wurde automatisch mit dem Prädikat “gesund und arbeitsfähig” entlassen, egal wie man sich fühlte. Ich wurde von meinem Arzt weiter krankgeschrieben.

Die Krisenstation hatte eine andere Philosophie: nach 3 Wochen ist der Patient gesund und wird entlassen. Auch egal was man sagte oder wie man sich fühlte. Es gab keine Möglichkeit der Verlängerung oder der Überweisung an eine andere Klinik: nein, nach drei Wochen ist man eben gesund ... basta.

Die Gesundheitsreform hat schon komische Blüten. Heute wird man nicht dann entlassen, wenn man gesund oder gebessert ist, sondern weil ein bestimmter Zeitraum erreicht ist.


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